Das Klartext 1x1 für Stellenanzeigen


Viele Stellenanzeigen lassen mit ihren blumigen Umschreibungen auf einen traumhaften Job mit tollen Kollegen, kompetenten Vorgesetzten und einem super Gehalt hoffen. Leider werden viele Arbeitnehmer in ihrem Arbeitsalltag mit ganz anderen Szenarien konfrontiert. Deswegen hat Text-Creator.com einige der bekanntesten Formulierungen in Stellenanzeigen analysiert und sie zum besseren Verständnis in Klartext übersetzt.


Die Firma bietet dir…

  • kurze und direkte Kommunikationswege:
    Die Kommunikationswege sind tatsächlich oft kurz und direkt. Dein Vorgesetzter sagt dir kurz und direkt was du machen sollst und du musst es umsetzen. Und überlege dir gut ob du wirklich noch genau nachfragen willst, sonst wirst du schnell als  unselbständig oder besserwisserisch angesehen.
  • flache Hierarchien:
    Klar kannst du immer zu deinem Vorgesetzten kommen, wenn dich etwas bedrückt. Zumindest falls er zufällig da ist und gerade nichts Wichtigeres zu erledigen hat. Und auch wenn man über alles reden kann, heißt das noch lange nicht, dass sich irgendjemand für deine Meinung interessiert.
  • leistungsgerechte Bezahlung:
    Eines ist ganz klar – egal was du leistest – dein Einkommen wird mit viel Glück durchschnittlich sein aber auf keinen Fall besonders gut. Und träum bloß nicht vom 13ten Monatsgehalt, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld oder sonstigen zusätzlichen Leistungen. Auch einen verbindlichen Tarifvertrag erwartest du mit Sicherheit vergeblich.
  • dynamisches Wachstum:
    Alles was zählt ist Kohle. Natürlich nicht deine Kohle, sondern die der Firma. Auf eine intensive Einarbeitungsphase und einen pünktliche Feierabend brauchst du nicht zu hoffen. Aber du machst bestimmt gerne freiwillig unbezahlte Überstunden, damit das Unternehmen wächst.
  • umfangreiche Aufstiegsmöglichkeiten:
    Es gibt vielleicht die Möglichkeit einen tollen neuen Titel zu ergattern, denn in der vielschichtigen Hierarchie ist immer noch Platz für einen weiteren Teilbereichs- oder Unterbereichs-Manager oder Projektleiter. Ob dir das allerdings tatsächlich mehr Verantwortung und mehr Entscheidungsfreiheit bringt, oder am Ende nur mehr Arbeit bei gleichem Gehalt bedeutet, steht auf einem anderen Blatt.

...und wünscht sich von dir…

  • eine erstklassige Ausbildung mit zusätzlichen Qualifikationen, Auslandsaufenthalten, Praktika und Berufserfahrung – aber bezahlt wirst du natürlich als Berufseinsteiger. Falls du eines oder gar mehrere dieser wichtigen „Merkmale“ nicht vorweisen kannst, solltest du deine Gehaltsvorstellung vorsorglich halbieren. Deine Chancen den Job zu bekommen sind dadurch aber nicht unbedingt kleiner geworden, denn du bist ja genauso gut und nur viel billiger zu haben.
  • räumliche und zeitliche Flexibilität und überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft, damit du jederzeit und überall und immer erreichbar und verfügbar bist und sich dein Arbeitgeber alle Möglichkeiten offen lassen kann, dich abends, an Wochenenden und Feiertagen für wichtige Spezialaufträge und Projekte einzusetzen und du dafür gerne deinen lang geplanten Urlaub verschiebst oder besser noch komplett ausfallen lässt.
  • Kontaktfreudigkeit und Teamfähigkeit, denn alle Mitarbeiter sind eine große Familie in der man sich gegenseitig zuhört und sich untereinander hilft. Wenn am Ende du allen immer helfen musst, aber nie jemand dir hilft, dann bist du der perfekte Teamplayer: uneigennützig und nur auf das Wohl der Mannschaft fokussiert.
  • Vernetzte und konzeptionelle Denkweise, damit du immer schon im Voraus weißt, welche Aufgaben und Arbeitsschritte als nächstes anstehen. Dass sich dann die Voraussetzungen und Ziele wieder komplett ändern können und du wieder bei Null anfangen musst ist eher die Regel als die Ausnahme.
  • eine hohe Belastbarkeit, ausgeprägte Soft Skillz und Hands-On-Mentalität, denn an Belastungen soll es nicht mangeln. Und wenn du schon sehr belastbar bist, dann wirst du eben noch mehr belastet. Und was diese willkürliche Ansammlung von englischen Schlagwörtern angeht…

Etliche Firmen arbeiten bewusst und unbewusst mit solchen weit verbreiteten Floskeln. Ob das Bild, das sie so von ihrem Unternehmen vermitteln, dann auch tatsächlich der betrieblichen Realität entspricht, ist oft fragwürdig. Da viele Arbeitgeber immer wieder mit den gleichen Wünschen und Angeboten an ihre potenziellen Arbeitnehmer herantreten und viele Arbeitnehmer später das Gefühl entwickeln, dass sie unter falschen Voraussetzungen und Annahmen ihren Job angetreten haben, empfiehlt Text-Creator:

  • Arbeitgeber, die wirklich an motivierten und kompetenten Mitarbeitern interessiert sind, sollten sich in der Formulierung ihrer Stellenanzeigen von der Konkurrenz abheben und sich nicht mit abgedroschenen und unglaubwürdigen Phrasen an diesen sprachlichen Einheitsbrei anpassen.
  • Arbeitsuchende sollten zumindest wissen worauf sie sich einlassen, und wie sich ihre Erwartungen und Chancen miteinander abgleichen lassen. Ein besseres Verständnis der Stellenbeschreibungen und gegebenenfalls auch gezielte Nachfrage in der betreffenden Personalabteilung können dabei gut weiterhelfen. Alleine schon die Art der Reaktion und die Reaktionszeit können einen ersten direkten Eindruck vermitteln.

Viel Erfolg bei der Jobsuche und bei der Suche nach den perfekten Mitarbeitern!

Und nicht vergessen: die nachhaltige Work-Life-Balance ist weder nur durch Homeoffice und Sabbatical zu realisieren, noch durch transparentes Networking, Business Mentoring oder denglische Buzzwords.